
Was ist Polyarthrose der Hände?
Polyarthrose der Hände bezeichnet den alters- und verschleißbedingten Abbau der Gelenke an Fingern und Daumen. Anders als bei der rheumatoiden Arthritis handelt es sich nicht um eine entzündliche Erkrankung des Immunsystems, sondern um eine „Abnutzung“ der Gelenkstrukturen. Typisch sind kleine, erbsengroße Knötchen an den Fingergelenken, die manchmal an Gicht oder Rheuma erinnern, aber eine andere Ursache haben.
Wichtig:
Polyarthrose betrifft ausschließlich die Hände, während bei anderen Arthroseformen auch Hüfte oder Knie betroffen sein können.
Historischer Hintergrund: Heberden- und Bouchard-Knötchen
Bereits im 18. Jahrhundert beschrieb Sir William Heberden die charakteristischen Knötchen an den Endgelenken der Finger („Heberden-Knötchen“). Im 19. Jahrhundert entdeckte Charles Bouchard ähnliche Veränderungen an den Fingermittelgelenken („Bouchard-Knötchen“). Beide Formen gehören zur Polyarthrose der Hand. Auch das Daumensattelgelenk kann betroffen sein (Rhizarthrose).
Symptome und Krankheitsverlauf
Die Erkrankung beginnt meist schleichend:
- Frühe Phase: Verdickungen an den Fingergelenken, oft ohne Schmerzen oder Bewegungseinschränkung.
- Fortschreitende Phase: Schmerzen, Schwellungen, Rötungen und Bewegungseinschränkungen treten auf. Die Finger können sich verformen oder zur Seite abkippen.
- Aktivierte Arthrose: Bei Entzündung der Gelenke kommt es zu stärkeren Schmerzen und Schwellungen.
- Erosive Polyarthrose: In seltenen Fällen entwickelt sich eine besonders aggressive Form mit Knochenschäden und starken Beschwerden.
- Pfropfarthritis: Selten kann sich zusätzlich eine rheumatoide Arthritis „aufpfropfen“, was die Beschwerden verstärkt.
Wer ist besonders betroffen? – Risikofaktoren und Häufigkeit
- Geschlecht: Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Das Risiko steigt nach den Wechseljahren, vermutlich durch hormonelle Veränderungen.
- Alter: Meist beginnt die Erkrankung ab dem 45. Lebensjahr, bei Männern etwa zehn Jahre später.
- Genetik: Eine familiäre Veranlagung spielt eine große Rolle, besonders bei Frauen.
- Mechanische Belastung: Häufige, wiederholte Belastungen der Hände können das Risiko erhöhen.
Epidemiologie:
Etwa 40 % aller Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine symptomatische Handarthrose – bei Frauen liegt das Risiko sogar bei 50 %, bei Männern bei 25 %.
Wie wird die Diagnose gestellt?
- Klinische Untersuchung: Typische Knötchen, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen geben erste Hinweise.
- Röntgen: Zeigt Veränderungen wie Gelenkspaltverschmälerung, Knochenausziehungen (Osteophyten) und Knochenschäden.
- Laboruntersuchungen: Dienen vor allem dazu, andere Erkrankungen wie Gicht oder Rheuma auszuschließen. Bei Polyarthrose sind die Werte meist unauffällig.
- Neue Methoden: Ultraschall und MRT können frühe Veränderungen und Entzündungen sichtbar machen, werden aber noch nicht routinemäßig eingesetzt.
Behandlungsmöglichkeiten – Was hilft wirklich?
Die Therapie richtet sich nach dem Stadium und den Beschwerden. Ziel ist es, Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit zu erhalten und die Lebensqualität zu verbessern.
Medikamentöse Behandlung
- Schmerzmittel (NSAR): Ibuprofen, Diclofenac oder ähnliche Wirkstoffe – als Tablette oder Gel – helfen gegen Schmerzen und Entzündungen.
- Kortison-Injektionen: Können bei akuten Entzündungen kurzfristig Linderung verschaffen, sollten aber nicht zu oft wiederholt werden.
- Hyaluronsäure-Injektionen: Vor allem beim Daumensattelgelenk eingesetzt, der Nutzen ist laut aktuellen Studien jedoch begrenzt.
- Neue Medikamente: JAK-Inhibitoren, IL-1-Hemmer und andere moderne Wirkstoffe werden derzeit in Studien getestet, insbesondere bei aggressiven oder entzündlichen Formen. Erste Ergebnisse sind vielversprechend, aber noch nicht für die Routine zugelassen.
- PRP (Eigenbluttherapie): Wird vereinzelt angewendet, die Wirksamkeit ist aber noch nicht eindeutig belegt.
Nicht-medikamentöse Therapien
- Ergotherapie und Physiotherapie: Spezielle Übungen, Schienen und Alltagshilfen verbessern die Handfunktion und lindern Schmerzen.
- Splints/Schienen: Besonders für das Daumensattelgelenk empfohlen, um Schmerzen zu reduzieren und die Greiffunktion zu erhalten.
- Wärme- und Kältetherapie: Je nach Vorliebe können beide Methoden Schmerzen lindern.
- Ultraschall- und Elektrotherapie: Werden unterstützend eingesetzt, die wissenschaftliche Evidenz ist jedoch begrenzt.
Chirurgische Optionen
- Minimalinvasive Eingriffe: Neue Techniken ermöglichen kleinere Operationen mit schnellerer Erholung.
- Künstliche Gelenke und Implantate: Moderne Materialien und 3D-gedruckte Prothesen bieten bessere Funktion und Haltbarkeit.
- Versteifung (Arthrodese): Bei schweren Fällen zur Schmerzlinderung, wenn andere Maßnahmen nicht helfen.
- Trapeziektomie: Entfernung eines Handwurzelknochens beim Daumensattelgelenk, um Schmerzen zu reduzieren.
Selbstmanagement und Alltagstipps
- Regelmäßige Bewegung: Spezielle Handübungen und allgemeine körperliche Aktivität erhalten die Beweglichkeit und stärken die Muskulatur.
- Ernährung: Eine ausgewogene, entzündungshemmende Ernährung (viel Gemüse, wenig Zucker und gesättigte Fette) wird empfohlen.
- Gewichtskontrolle: Übergewicht kann Entzündungen fördern und sollte vermieden werden.
- Hilfsmittel: Flaschenöffner, dicke Stifte oder spezielle Küchenutensilien erleichtern den Alltag.
- Digitale Gesundheitsanwendungen: Apps und Online-Programme unterstützen bei Übungen, Schmerztagebuch und Selbstmanagement.
Neue und experimentelle Ansätze
- Sprifermin (FGF18): Ein Wachstumsfaktor, der die Knorpelregeneration fördern soll. Erste Studien zeigen positive Effekte, der Einsatz ist aber noch experimentell.
- Strontiumranelat: Wird zur Verlangsamung des Gelenkverschleißes untersucht, ist aber noch nicht für die Handarthrose zugelassen.
- JAK/IL-1/TNF-Hemmer: Moderne Medikamente, die bei entzündlichen Formen in Studien getestet werden.
Polyarthrose der Hände ist zwar nicht heilbar, aber gut behandelbar. Ein Mix aus Bewegung, gezielter Therapie und ggf. neuen Ansätzen kann die Beschwerden deutlich lindern. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die für Sie passenden Möglichkeiten – und bleiben Sie aktiv!
Quelle: Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (BVOU e.V.)