Manuelle Medizin

Manuelle Medizin ist eine dem Menschen zugewandte Medizin mit ganzheitlicher Betrachtungsweise. Sie bezeichnet ein diagnostisches System und therapeutische Techniken, die mit den Händen ausgeführt werden. Sie umfasst auch osteopathische Techniken an verschiedenen Abschnitten des Bewegungssystems, dem Lymphsystem und den bindegewebigen Aufhängungen und Faszien innerer Organe.

Bestimmte therapeutische Anteile, die kein großes Gefährdungspotential für Patienten haben, werden an Physiotherapeuten mit der Weiterbildung in „Manueller Therapie“ delegiert. Mit dieser Berufsgruppe arbeiten Ärzte eng zusammen und können den Patienten so ein sehr breites Spektrum an Therapie seines Bewegungssystems anbieten.

Synonyme

„Manuelle Medizin“ und „Chirotherapie“ bedeuten das Gleiche. Man bevorzugt heute den Namen „Manuelle Medizin“, da er den gesamten Umfang der ärztlichen Heilkunde in Diagnostik und Therapie abbildet.

Osteopathie oder Osteopathische Verfahren haben mit Manueller Medizin viele Gemeinsamkeiten: Sie sind Bestandteil und umfassen erweiterte Techniken der Manuellen Medizin am Bewegungssystem und den Strukturen der inneren Organe. Ihnen liegen besondere Konzepte zu Grunde.

„Manuelle Therapie“ ist die Bezeichnung für bestimmte an Physiotherapeuten delegierbare Techniken. Der Physiotherapeut erstellt nach der Diagnose des Arztes und Rezeptierung von Manueller Therapie einen Befund und behandelt mit diesen Techniken.

„Chiropraxis“ oder „Chiropraktik“: Unüblicher Begriff, der vor allem für Techniken verwendet wird, die von Heilpraktikern oder Laien ausgeübt werden.

Manualmedizinisch weitergebildete Ärzte ergänzen ihre normale orthopädische Untersuchung durch spezielle sehr feine mit den Händen ausgeführte Untersuchungen besonders an der Wirbelsäule, um Störungen der Beweglichkeit zwischen zwei Wirbelkörpern und deren muskulär gestörte Steuerung zu diagnostizieren. Sie prüfen das Gelenkspiel (joint play), ein Befund, den nur Manualmediziner erlernen.

Wenn sie eine Diagnose einer behebbaren (reversiblen) Funktionsstörung erhoben haben, steht den Patienten in der Manuellen Therapie ein breites Spektrum an Behandlungsverfahren zur Verfügung, sei es an den Gelenken, Muskeln, Bindegeweben, Faszien und weiteren Strukturen des Bewegungssystems.

Ziel ist vor allem, Schmerzen und Störungen der Funktion zu bessern oder zu heilen, Manuelle Medizin gehört daher auch zur etablierten Schmerztherapie. Sie ist wirksam und wird in verschiedenen Leitlinien als Therapiemethode empfohlen und wissenschaftlich untermauert.

Einsatzgebiete

Manuelle Medizin behandelt Schmerzen und behebbare Funktionsstörungen des Bewegungssystems, die durch bestimmte Techniken oder Training beseitigt werden können.

Sie machen sich vor allem durch Bewegungseinschränkungen von Gelenken und Fehlfunktionen von Nerven und Muskeln bemerkbar. Das häufigste Symptom ist der Schmerz.

Welche Beschwerden des Patienten sind häufig:

  • Schmerzen und Bewegungseinschränkung an der Wirbelsäule und den Gelenken wie zum Beispiel Hexenschuss
  • Instabilität der Wirbelsäule oder der Gelenke
  • Kribbel- oder Taubheitsgefühle an Armen oder Beinen
  • Schwindel, Seh- und Hörstörungen, Ohrgeräusche (Tinnitus)
  • Unfallfolgen
  • Gelenkverschleiß oder chronische Überlastung

Wo wendet man Manuelle Medizin nicht an:

  • Akute Entzündungen
  • Unfälle mit Zerstörung von Knochen und Gelenken, Gelenkkapseln und Bändern, Muskeln und Nerven
  • Akuter Bandscheibenvorfall
  • Überbeweglichkeit von Gelenken oder angeborenen Bindegewebserkrankungen
  • Fortgeschrittene Osteoporose mit Bruchneigung der Wirbelsäule
  • Rheumatische Erkrankungen mit Zerstörung der Gelenke
  • Psychiatrische Probleme
  • Knochen- und Weichteiltumore

Wirkprinzip

Manuelle Diagnostik prüft mit sehr feinen Untersuchungsmethoden die Beweglichkeit von Gelenken an der Wirbelsäule und den Extremitätengelenken, um zu beurteilen, ob diese im Rahmen einer Minderbeweglichkeit oder Überbeweglichkeit bzw. Instabilität gestört sind.

Diese Fehlfunktionen können im Gelenk und seinen umhüllenden Strukturen selber liegen oder durch Muskeln oder bindegewebige Strukturen wie Faszien bedingt sein.

Die Spannung, Kraft und Steuerung des einzelnen Muskels wird untersucht als auch die Stabilität und Funktion von Muskelgruppen.

Schmerz am Bewegungssystem kann durch viele Strukturen und Funktionserkrankungen ausgelöst werden, Manuelle Medizin kann sehr genau differenzieren, durch welche Funktionsstörung, Strukturveränderung oder weitere Erkrankung des Körpers die Beschwerden des Patienten ausgelöst werden.

Nach der Diagnose steht in der Manuellen Therapie ein breites Spektrum an therapeutischen Möglichkeiten zur Verfügung, das Beweglichkeit wiederherstellen kann, stabilisiert und auch in den komplexen Regelkreis der muskulären Steuerung eingreift.

Die Manuelle Medizin ist in ihrer Wirksamkeit inzwischen gut erforscht, trotzdem bleibt für die Wissenschaft noch viel zu tun, um wirksame Phänomene zu beweisen.

Durchführung der Manuellen Untersuchung und Therapie

Untersuchung und Diagnose

Die Untersuchung beginnt immer mit einem ausführlichen Gespräch: der Anamnese. Es wird zunächst die Krankheitsvorgeschichte erfragt, um zu sehen, ob Hinweise für angeborene Veränderungen, Verschleiß, Unfallfolgen oder begleitende Erkrankungen wie Osteoporose oder Rheuma vorliegen.

Dann führt der Arzt eine genaue Inspektion des ganzen Bewegungsapparates durch, die Hinweise auf Deformitäten, muskuläre Veränderungen oder Störungen im Bewegungsablauf gibt.

In der Manuellen Medizin sind die Hände des Arztes zunächst das wichtigste Untersuchungsmittel. Neben dem Tastbefund der verschiedenen Strukturen, wir nennen das Palpation, wird unter anderem der Ort des Schmerzes sowie die Spannung von Bindegewebe, Muskeln und Faszien festgestellt.

Auch eine komplexe Bewegungsuntersuchung von Gelenken an der Wirbelsäule und den Extremitätengelenken ist Bestandteil der manuellen Untersuchung.

Das Besondere an der manuellen Diagnostik besteht darin, dass neben den normalen Bewegungen auch sehr feine Änderungen der Spannung am Ende der Bewegung oder die Beweglichkeit zwischen zwei Wirbelkörpern mittels besonderer Techniken untersucht werden können. Man nennt diesen kleinen Bewegungsausschlag „joint play“ (Gelenkspiel). Dies zu tasten bedarf einer gründlichen Weiterbildung und entsprechenden Erfahrung.

All diese Untersuchungen fließen dann in eine Beurteilung ein, ob eine „reversible somatische Dysfunktion“ vorliegt. Eine somatische Dysfunktion, das heißt eine Funktionsstörung des Körpers ist eine eingeschränkte oder veränderte Funktion der wechselseitig in Beziehung stehenden einzelnen Elemente des Bewegungssystems.

Dieser Befund wird mit weiteren diagnostischen Maßnahmen wie der Untersuchung des Nervensystems, dem Röntgen, weiteren bildgebenden Verfahren wie Computertomografie oder Kernspintomografie sowie Laboruntersuchungen abgeglichen.

Auf Basis dessen wird die Diagnose festgelegt und die Therapieform bestimmt.

Mobilisation und Manipulation

Ist die beschriebene Fehlfunktion reversibel, wird die fehlende Beweglichkeit der Gelenke mithilfe von Mobilisation oder Manipulation behandelt und wiederhergestellt.

Die manuelle Mobilisation wird durch wiederholte langsame und sanfte Bewegungen vorgenommen, um die Beweglichkeit der Gelenke oder der Wirbelsäulensegmente zu verbessern.

Kann man besonders an der Wirbelsäule die Fehlfunktion nicht ausreichend durch Mobilisation beheben, kann der Arzt die Manipulation einsetzen. Hierbei setzt er vor allem zwischen zwei Wirbelkörpersegmenten meist am Ende der eingeschränkten Bewegung einen Impuls mir geringer Kraft, minimalem Weg und hoher Geschwindigkeit ein.

Dieser Impuls kann, muss aber nicht durch ein Geräusch begleitet sein, das wir im Volksmund als „Knacken“ bezeichnen.

Diese Manipulation wird der Arzt aber nur wählen, wenn er vorher Gegenanzeigen (Kontraindikationen) ausgeschlossen hat und den Patienten über mögliche Risiken, die besonders an der Halswirbelsäule bestehen, aufgeklärt hat.

Wegen dieser Risiken, die in Form von Gefäßschäden auftreten können, ist die Manipulation in Deutschland nur Ärzten und Heilpraktikern gestattet, da nur diese beiden Berufsgruppen Heilkunde ausüben dürfen. Wir empfehlen unseren Patienten, für diese Therapieverfahren nur Ärzte mit der Weiterbildung in Manueller Medizin zu wählen.

Physiotherapeuten ist eine Manipulation an der Wirbelsäule nicht gestattet, sie können jedoch Manipulationen an den Extremitätengelenken vornehmen, wenn sie entsprechend weitergebildet sind.

Weichteiltechniken

Weitere Techniken, die auch sehr oft an Physiotherapeuten mit der Weiterbildung in „Manueller Therapie“ delegiert werden, sind verschiedene Arten von Weichteiltechniken.

Dieser Begriff umfasst ein großes System an manuellen Behandlungsmethoden an den Muskeln, Sehnen, Faszien, Bindegeweben und anderen Strukturen des Bewegungssystems wie zum Beispiel den Nerven und dem Lymphsystem sowie Methoden, die die bindegewebigen Aufhängungen der inneren Organe beeinflussen. Wir nennen dies das viszerale Konzept.

Dehnungen, Streichungen, Druck und eine Vielzahl weiterer Maßnahmen werden von Ärzten und Physiotherapeuten je nach Befund angewandt.

Mobilisierende und stabilisierende Muskeltechniken, die der Patient dann in eigenen Übungen im Rahmen einer Trainingstherapie weiterführen kann, bieten ein weites therapeutisches Spektrum. Dazu gehören auch Muskel-Energie-Techniken, bei denen der Patient unter Führung des Therapeuten selber durch Anspannung und Entspannung einzelner Muskeln oder Muskelgruppen mithelfen kann, die Kraft, Ausdauer und Steuerung seiner Muskulatur zu verbessern und wieder zur gewünschten Stabilität und Schmerzfreiheit zurückzufinden.

Erfolgsaussichten

Von Ärzten ausgeübte „Manuelle Medizin“, ergänzt durch osteoapathische Therapieverfahren und die an Physiotherapeuten delegierbaren Techniken der „Manuellen Therapie“ umfassen ein breites Spektrum an wirksamen Untersuchungs- und Behandlungstechniken für Schmerzen und reversible Funktionsstörungen des Bewegungssystems.

Sie stellen ergänzend zum orthopädisch-unfallchirurgischen Spektrum eine wirksame Erweiterung in der Hand des kundigen weitergebildeten Arztes dar. Die Manuelle Medizin ist wissenschaftlich erforscht und in Leitlinien verankert.

Literatur und weiterführende Links

Bischoff, H. P. / Moll, H.: Lehrbuch der Manuellen Medizin. 6. Auflage. Balingen: Spitta; 2011.

Boehni, U. / Lauper, M. / Locher, H.: Manuelle Medizin Band 1. Stuttgart, New York: Thieme Verlag; 2015.

Boehni, U. / Lauper, M. / Locher, H.: Manuelle Medizin Band 2. Stuttgart, New York: Thieme Verlag; 2011.

Deutsche Gesellschaft für Manuelle Medizin (DGMM) und Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e.V.: Manuelle Medizin / Osteopathie. Lindau: Crossmed Verlag; 2016.

Frisch, H.: Programmierte Untersuchung des Bewegungsapparates. 5. Auflage. Berlin: Springer; 2009.

Lewit, K.: Manuelle Medizin bei Funktionsstörungen des Bewegungsapparates. 8. Auflage. Elsevier Verlag; 2007.

Psczolla, M. / Kladny, B. / Flechtenmacher, J. / Hoffmann, R. / Dreinhöfer, K.: Weißbuch Konservative Orthopädie und Unfallchirurgie. Berlin: De Gruyter; 2016. Open access: www.degruyter.com/viewbooktoc/product/485172 (abgerufen am 19.01.2018).

Schildt-Rudloff, K. / Harke, G. / Sachse, J.: Wirbelsäule, Manuelle Untersuchung und Mobilisationsbehandlung für Ärzte und Physiotherapeuten. 6. Auflage. München: Urban und Fischer; 2016.

Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz: http://www.leitlinien.de/nvl/kreuzschmerz (abgerufen am 19.01.2018).

Hinweise für Patienten

Dieser Lexikoneintrag enthält nur allgemeine Informationen und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

Off-Label-Use
Hinweis: Die Anwendung des oder der oben genannten Arzneimittel ist für die aufgeführten Indikationen eventuell nicht offiziell zugelassen. Es handelt sich in diesem Fall um einen sogenannten Off-Label-Use des Präparates, der von gesetzlichen oder privaten Krankenkassen oder Beihilfen in der Regel nicht erstattet wird.
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Umstrittene Wirksamkeit
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