Neue telemedizinische Reha für Patienten mit Kunstgelenk

06.07.2018

Gerade für Berufstätige, die ein künstliches Knie- oder Hüftgelenk erhalten, lässt sich die anschließende stationäre Rehabilitation oft schwer mit dem Berufsalltag vereinbaren. Mit einer neuen telemedizinisch gestützten Bewegungstherapie soll das künftig einfacher werden.
© Matthias Heyde / Fraunhofer FOKUS

Berlin – Wer ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk bekommt, muss danach länger in die Reha. Doch die Angebote sind knapp, die Termine für Berufstätige oft aus Zeitnot nicht einzuhalten. Die Folge: Die Therapie verzögert sich, es entstehen zusätzliche Kosten, mögliche gesundheitliche Einschränkungen drohen. Im Projekt ReMove-It hat Fraunhofer zusammen mit Partnern eine telemedizinisch gestützte Bewegungstherapie entwickelt, die Patienten erlaubt, die Reha flexibler zu organisieren.

Künstliche Hüft- und Kniegelenke sind in Deutschland der häufigste Grund für Rehamaßnahmen. Um sich schnell wieder normal bewegen zu können, müssen die Patienten an einer ausgedehnten stationären Rehabilitation teilnehmen. Das Problem: In strukturschwachen Regionen stünden oft nicht ausreichend Angebote zur Verfügung, so die Fraunhofer-Forscher.

Gleichzeitig würden gebuchte Gesundheitsprogramme nicht wahrgenommen, weil die Termine mit den Arbeitszeiten kollidieren oder die Anfahrtswege zu lang sind. „Eine Herausforderung insbesondere für Berufstätige in ländlichen Regionen. Internetbasierte telemedizinische Angebote können hier eine sinnvolle Ergänzung sein“, sagt Dr. Michael John vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS.

Im Projekt „ReMove-It“ haben die Berliner Forscher zusammen mit Reha-Kliniken, Sportmedizinern und Rehabilitations-Wissenschaftlern eine telemedizinisch gestützte Bewegungstherapie nach Hüft- oder Kniegelenkersatz entwickelt. In einer repräsentativen Studie sei die Wirksamkeit der Therapie bereits nachgewiesen worden. Ab 2019 soll sie als Medizinprodukt für stationäre und ambulante Reha-Einrichtungen angeboten werden.

Reha im eigenen Wohnzimmer

Patienten können das telemedizinische System flexibel zu Hause einsetzen. Dafür benötigen sie eine kleine 3D-Kamera mit Internetzugang und die entsprechende Software. Außerdem müssen sie über einen handelsüblichen TV-Bildschirm verfügen. Vor dem Beginn der Therapie führt ein Therapeut sie in die Benutzung des Systems ein.

Kern der Bewegungstherapie sind Videos, auf denen der Therapeut die verschriebenen Übungen ausführt und der Patient diese vor dem Bildschirm nachahmt. Die Videos sind vom jeweiligen Therapeuten selbst eingespielt und auf jeden Patienten individuell zugeschnitten. Es sind stehende, sitzende und liegende Übungen möglich.

Bewegungen werden in Echtzeit erfasst

Die Genauigkeit des Systems sei so hoch, dass Bewegungsausführung und Trainingserfolg in Echtzeit gemessen werden können, so die Forscher. Dafür sorge ein eigens programmierter Algorithmus. Er gleicht die von der 3D-Kamera aufgenommen Bewegungsmuster der Patienten kontinuierlich mit zuvor gemeinsam mit den Therapeuten und Patienten definierten optimalen Parametern ab, zum Beispiel dem Winkel oder der Position der Gelenke sowie Skelettdaten.

So erhält der Patient noch während der Bewegungsausführung Korrekturhinweise, falls sie nicht den medizinischen Vorgaben entspricht. Nachdem er die Übung absolviert hat, erhält der Patient eine Rückmeldung zur ausgeführten Qualität in Form von Rot- und Grün-Markierungen, die den einzelnen Körperbereichen Oberkörper, Arme und Beine zugeordnet sind.

Schneller und sicherer Kontakt zu Arzt und Therapeut

Im Anschluss an die Therapiesitzung bekommt das medizinische Personal in der Klinik die während des Übungsablaufs dokumentierten Bewegungsdaten via Internet zugesendet. Der betreuende Arzt und Therapeut haben dadurch einen Überblick über Leistungsstand und -entwicklung des Patienten und können den Therapieplan optimal an dessen Therapiefortschritt anpassen.

Die digitale Bewegungstherapie erfülle dabei höchste IT-Sicherheitsstandards, betonen die Forscher. So würden die Übungsergebnisse in pseudonymisierter, verschlüsselter Form via Internet übertragen. Zusätzlich können Arzt, Therapeut und Patient mithilfe von Text-, Audio- und Videonachrichten kontinuierlich miteinander in Kontakt bleiben.

Dies bringt für beide Seiten Vorteile, sind sich die Forscher sicher. Die Patienten profitierten von einer orts- und zeitungebundenen Einzeltherapie. Doch auch für die Therapeuten sei das neue System ein Gewinn: „Diese können ihre Therapiepläne flexibler organisieren. Beispielsweise sind für sie nun auch Homeoffice-Modelle denkbar“, sagt John.

Nach dem Wirksamkeitsnachweis wollen die Projektpartner das System jetzt für die Zulassung als Medizinprodukt fit machen und ein Wirtschaftlichkeitskonzept entwickeln. „Bis 2019 planen wir ein Medizinprodukt anzubieten, dass zwischen 29 und 49 Euro im Monat kostet“, sagt John.

Quelle: Fraunhofer-Gesellschaft